Forfex Haarschneidemaschine, 1928

Ein frühes Bosch Elektrowerkzeug im Einsatz, 1937

Eine Haarschneidemaschine als Urahn der Schlagbohrmaschine, des Winkelschleifers oder des Akkuschraubers? Es ist im ersten Moment kaum glaubhaft, aber tatsächlich hat die Ära der Elektrowerkzeuge von Bosch so begonnen.

Markiert wird der Anfang der Geschichte der Bosch-Elektrowerkzeuge von einer tiefgreifenden Krise in der europäischen Automobilindustrie. Rund 40 Prozent rutschte der Absatz nach unten, zwang etliche der vielen Hundert kleinen Automobilhersteller Europas in die Insolvenz oder zur Fusion mit Anderen, wie etwa die Autobauer Benz und Daimler.
Auch Bosch war als Autozulieferer massiv betroffen und musste dringend Maßnahmen ergreifen, um weniger abhängig von der Autobranche zu sein, mit neuen Produkten, die attraktiv und kommerziell erfolgreich waren.
Robert Bosch selbst war es noch, der Hermann Steinhart, den Leiter der Konstruktionsabteilung mit den Worten ansprach: „Herr Steinhart, wir brauchen noch andere Erzeugnisse für die Fertigung!“ Steinhart zeigte Bosch daraufhin eine handliche elektrische Haarschneidemaschine. Dieses Gerät hatte ihm Ernst Eisemann gebracht, Gründer der von Bosch vor einigen Jahren übernommenen gleichnamigen Firma.

Hermann Steinhart, Entwickler der Forfex, 1926

Hermann Steinhart, Entwickler der Forfex, 1926

Eisemann war ein Tüftler, der die Maschine in seiner eigenen Werkstatt konstruiert und gebaut hatte. Die Maschine besaß im Handgriff einen kleinen Elektromotor als Antrieb, an sich ein Fortschritt gegenüber den gebräuchlichen Haarschneidemaschinen mit Hängemotor und Biegewelle. Steinhart hatte jedoch die ungenügende elektrische Sicherung des Geräts bemängelt. Nachdem Bosch die Maschine gesehen hatte, beauftragte er Steinhart sofort mit der Weiterentwicklung der experimentellen Einzelanfertigung zu einem marktgerechten Produkt. Für das Gehäuse wurde Resitex benutzt, ein nahezu unzerbrechlicher Kunststoff, den das „Isolithwerk“ von Bosch am Standort Feuerbach bei Stuttgart fertigte.1928 konnte die neue Haarschneidemaschine unter dem Namen „Forfex“ den Kunden vorgestellt werden. Den Bau und Vertrieb der Maschine übernahm die Bosch-Tochter Eisemann, die Motoren kamen allerdings von Bosch.

Jetzt galt es nur noch, die Friseure davon zu überzeugen, dass es sich mit der Forfex besser und bequemer arbeiten ließ als mit den herkömmlichen Maschinen. Eine „Nullserie“ wurde von Bosch-Vertretern zu diesem Zweck in ganz Deutschland kostenlos an Frisiersalons abgegeben. Bereits nach wenigen Monaten hatten sich die Vorzüge der Forfex in der Branche herumgesprochen. Sie überzeugte durch bequemes und ermüdungsfreies Arbeiten.

Die Geschichte der Forfex und die bis heute wirkenden Folgeerscheinungen sind damit aber noch gar nicht erzählt. Es hätte auch eine Episode in der Bosch-Geschichte sein können, oder eine kleine Produktnische für speziellen Bedarf bleiben können.

Ingenieur mit Bosch Bohrmaschine am Standort Stuttgart-Feuerbach, 1936

Ingenieur mit Bosch Bohrmaschine am Standort Stuttgart-Feuerbach, 1936

Aber die Forfex verkörpert den Beginn einer neuen Sparte bei Bosch, dem heutigen Geschäftsbereich Elektrowerkzeuge, der für seine grünen Geräte für Heimwerker und die blauen Geräte für professionelle Handwerker bekannt ist.
Die Basiskonstruktion der Forfex stand dabei Pate für die Entwicklung von leichten Elektrowerkzeugen, die Bosch ab 1932 in der Fertigung von Dieseleinspritzpumpen einsetzte, als Schleifer, Bohrer oder Schrauber – und nach ihrer Bewährungsprobe in den eigenen Fertigungsbetrieben auch Kunden außerhalb von Bosch anbot. Der Markt bot damals nämlich keine kompakten Elektrowerkzeuge für den Produktionsbetrieb an, die über einen integrierten Motor verfügten.

Um aus dem filigranen Produkt für den Friseursalon ein unverwüstliches Gerät zur Metallbearbeitung zu machen, musste die Forfex allerdings harten Tests unterzogen werden, über die ein damaliger Entwickler später erzählte:

„Wir besorgten uns aus der Fertigung einige […] FORFEX-Motoren, gewickelt zum Anschluss an 110 V Wechselstrom, schraubten den Arbeitskopf ab, um den Motor an 220 V anzuschließen und seine Drehzahl zu messen. Der Motor machte an 220 V ca. 13000 U. und lief genau einige Minuten lang; dann fing er an zu stinken und der Spaß war zu Ende. […] Wir variierten nunmehr den Rotor-Durchmesser, die Zahl und Größe der Nuten, sowie die Zahl und den Durchmesser der Drähte, mit denen der Anker gewickelt wurde, und ebenso den Kollektor. Schon nach ungefähr sechs Wochen hatten wir einen Motor, der im Leerlauf bei etwa 16000 U. und 30 Watt Leistungsaufnahme (der FORFEX-Motor hatte 8-10 W.) über hundert Stunden lief. Wir bauten das von der Einspritzpumpen-Fertigung in Feuerbach gewünschte Gerät, das sich in der Erprobung bewährte […].“

Über den Autor

Dietrich Kuhlgatz

Seit 1998 arbeite ich in der Abteilung Historische Kommunikation bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart. Als stellvertretender Abteilungsleiter, Fachreferent und Pressesprecher bin ich zuständig für alle Anfragen zur Produkt- und Innovationsgeschichte, die Bosch erreichen, und erstelle Online- und Print-Medien zur Bosch-Geschichte. Darüber hinaus berate ich bei Projekten zur Unternehmensgeschichte in Asia-Pacific und pflege Kontakte zu Technik- und Verkehrsmuseen. Bevor ich zu Bosch kam, habe ich Geschichte und Philosophie an den Universitäten Konstanz und Hamburg studiert, 1992 erste Lehrveranstaltungen gehalten und habe neben meinem Studium als Taxifahrer und Altenpfleger gearbeitet. Nach Studienabschluss war ich Zeitschriftenredakteur und wissenschaftlicher Volontär am Deutschen Technikmuseum Berlin im Bereich Automobilgeschichte.

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