Es war der 12. Juni 1817, als Freiherr Karl von Drais in Mannheim seine erste Fahrt mit seiner selbstkonstruierten Fahrmaschine unternahm. Drais stammte aus einer adligen Beamtenfamilie, legte aber als demokratisch gesonnener Mensch keinen Wert auf seinen Titel.

Drais war eigentlich Forstmeister, aber er beschäftigte sich neben seiner Arbeit mit Problemen anderer Art – in diesem Falle waren es extrem hohe Preise beim Hafer, dem Haupternährungsmittel für Pferde, das verbreitetste Transportmittel seiner Zeit. Für dieses Problem fand er die Lösung in Form einer Fahrmaschine, die Menschen ohne Transporttiere erheblich schneller vorankommen ließ aus zu Fuß.

 

Die Maschine

Die Laufmaschine von Drais bestand aus einem langen Holzbalken, an dessen vorderem und hinterem Ende an Streben je ein Rad angebracht war. Der Fahrer saß auf dem hinteren Drittel des Balkens. Steuern ließ sich das Gefährt mit einer Lenkstange, die mit der drehbaren Vorderachse verbunden war. Der eigentliche Antrieb waren die Beine des Fahrers. Er saß so hoch, dass er sich abwechselnd mit den Beinen auf dem Boden nach hinten abstoßen konnte. Damit entstand die Vorwärtsbewegung. Pedale hatte der Fahrer noch nicht zur Verfügung, das am erst einige Jahrzehnte später – als aus dem Laufrad das Fahrrad wurde. Heute kennen wir das Drais’sche Konstruktionsprinzip noch von Laufrädern für Kinder, die das eigentliche Fahrradfahren auf diese Weise etwas leichter erlernen können.

Unternehmensgründer Robert Bosch auf seinem neuen Fahrrad 1890 – einer der ersten Unternehmer in Deutschland, der ein damals neuartiges “safety bike” fuhr.

Unternehmensgründer Robert Bosch auf seinem neuen Fahrrad 1890 – einer der ersten Unternehmer in Deutschland, der ein damals neuartiges “safety bike” fuhr.

Düstere Zeiten

Die Zeiten, in denen Drais sein Laufrad entwickelte, waren nicht einfach. In den Vorjahren hatte es europaweit Missernten gegeben. Doch als am 10. April 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien ausbrach, verdüsterte sich die Erde buchstäblich. Es folgte eine der schlimmsten Kälteperioden der jüngeren Menschheitsgeschichte. Millionen Tonnen von Asche in der Erdatmosphäre ließen Ernten auf allen Kontinenten ausfallen, brachten Hunger, Not und Tod. In London sank die Jahresdurchschnittstemperatur im Folgejahr um sieben Grad, und die größte Auswandererwelle aus Europa seit vielen Jahren erreichte die USA.

Um zu verstehen, warum Drais gerade 1817 seiner Erfindung machte, ist dieses Hintergrundwissen nötig. Drais kannte die horrend angestiegenen Haferpreise, und er wusste sicher um die Notschlachtungen von Pferden, um den Hunger der Menschen zu stillen: Aus der Herausforderung wuchs die Idee.

 

Im Wettbewerb

Als Drais zu seiner Fahrt durch Mannheim am 12. Juni 1817 aufbrach, konnte er weder den Erfolg seiner Erfindung ahnen, noch konnte er wissen, dass sein Jahrhundert den Aufbruch in die individuelle und in die Massenmobilität markieren würde: Das 19. Jahrhundert brachte das Fahrrad, aber auch die Eisenbahn und das Automobil hervor.

Das Drais’sche Laufrad wurde kein großer Erfolg. Die Ernten besserten sich und die Menschen nutzten wieder das Pferd. Ohnehin war ohne Pferde an den Transport von Gütern und mehreren Menschen nicht zu denken. Erst die Eisenbahn änderte dies. Die Wettbewerbe in den 1820er Jahren in Großbritannien hatten die Vorbilder der späteren Eisenbahnlokomotiven wie die „Rocket“ von Robert Stephenson hervorgebracht, und um 1830 nahmen in Europa und den USA die ersten Eisenbahnlinien ihren Dienst auf.

Wird ihre Leistung unter winterlichen Bedingungen leiden? Test von Bosch Fahrradlichtanlagen in der Kältekammer, 1944

Wird ihre Leistung unter winterlichen Bedingungen leiden? Test von Bosch Fahrradlichtanlagen in der Kältekammer, 1944

Das heutige Fahrrad entsteht

Das Interesse an menschenbetriebenen Fahrmaschinen gewann Mitte des 19. Jahrhunderts indes wieder an Fahrt: Es entstanden die ersten zweirädrigen Vehikel mit Pedalantrieb, der die Kraft über eine Kette an das Hinterrad weitergab, und das Fahren gegenüber dem „Fußsohlenantrieb“ wesentlich verbesserten. Pioniere wie Pierre Michaux aus Frankreich und John Kemp Starley aus England entwickelten das Fahrrad so, wie wir es heute noch kennen, in einer lange bewährten, aber immer noch unübertroffenen Konstruktionsweise, dem rautenförmigen „Diamant“-Rahmen. Während die Bahn Menschen in Massen transportieren konnte, erlaubte das Fahrrad individuelles Reisen, ohne kostspielig zu sein wie eine Kutschenfahrt oder gar eine eigene Kutsche samt Zugpferden.

Die Kunden hatten damals, Ende des 19. Jahrhunderts durchaus Zweifel an den modernen „Niederrädern“ oder „safety bikes“, die es dank Michaux und Starley zu kaufen gab. Starley selbst musste erst eine Rennfahrt organisieren, um zu zeigen, dass sein Gefährt gegenüber seiner Konkurrenz wie etwa den Hochrädern, bei denen der Fahrer auf einem riesigen Vorderrad thront und das Vorderrad über die Pedale direkt antreibt, die überlegene Lösung ist.

Stolz zeigt der Fahrer sein Lastenrad mit Frontkoffer, 1940

Stolz zeigt der Fahrer sein Lastenrad mit Frontkoffer, 1940

 

Das Erbe von Drais

Als in den 1880er Jahren die ersten Motorfahrräder und Motorkutschen die Straßen der Welt verunsicherten, kam Konkurrenz ins Spiel: Das Auto mit seinen vier Rädern war die motorisierte Kutsche, das Motorrad ersparte dem Fahrer den Einsatz von Muskelkraft. Aus beiden sollte eine Erfolgsgeschichte werden, wie wir wissen, doch das Fahrrad ersetzten Beide nicht: Zu unterschiedlich sind die Fahrzeugtypen ohne und mit Motor, zu groß auch der Kostenunterschied. In großen Nationen wie China ermöglichte das Fahrrad ab der Mitte des 20. Jahrhunderts Massenmobilität ohne Motorisierung.

Erst dann, wenn Motorisierung erschwinglich war, setzte sie sich vielfach auch durch, so wie es heute in aufstrebenden Ökonomien wie Indien zu beobachten ist: Wer sich ein Motorrad oder gar ein Auto leisten kann, setzt nicht mehr auf das Fahrrad. Aber es geht auch andersherum in Zeiten immer dichteren Verkehrs in den Metropolen der Welt: Man belässt das Fahrrad als leichtes wendiges Transportmittel und unterstützt den Fahrer dabei, seine Muskelkraft einzusetzen, so wie es bei modernen Pedelecs mit ihren Elektromotoren funktioniert: sobald man tritt, gibt der Motor ergänzende Kraft ab.

 

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