Camille Jenatzy war im ersten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Rennfahrer weltweit. Der Belgier, selbst wohlhabender Reifenfabrikant und Händler, war schon zu Lebzeiten eine Legende, da er ebenso durch seinen riskanten Fahrstil auffiel wie auch durch seine verwegene Erscheinung mit spitzem Bart, weiten Staubmantel und in die Stirn geschobener Fahrerbrille. Berühmt wurde er v.a. durch das Gordon-Bennett-Rennen 1903. Benannt nach seinem Organisator, einem millionenschweren amerikanischen Verleger, fand dieses Rennen erstmals 1903 in Irland statt, nachdem England, ursprünglich anvisiert, wegen der rigiden Verkehrsvorschriften für ein Autorennen quer durchs Land ausgefallen war. Das Tempolimit für Kraftfahrzeuge lag dort bei 10 Meilen pro Stunde – keine gute Randbedingung für Wettfahrten.

 

Souverän auch mit wenig PS

Jenatzy siegte in diesem Rennen, wie auch bei zahlreicheren späteren Rennen, doch das 1903er Rennen wies eine Besonderheit auf: Jenatzys 90-PS-Mercedes war einem Brand zum Opfer gefallen, so dass er einen anderen Mercedes fahren musste, den ihm ein reicher Automobilist kurzfristig für das Rennen zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Wagen hatte allerdings nur 60 PS, also rund 30 Prozent weniger Leistung als die Wagen der Konkurrenten; und doch gewann Jenatzy das Rennen.

Für Bosch wurde Camille Jenatzy interessant, da in seinen (Sieger-)Wagen der Marke Mercedes stets Bosch-Zündung eingesetzt war. Was konnte es in einer Zeit, in der es noch keine ausführlichen Autotests gab, für eine bessere Werbung geben als die Bewährung einer Zündung unter härtesten Bedingungen?

 

Zündkerzenwerbung mit dem Camille Jenatzy nachempfundenen „Roten Mephisto“

Zündkerzenwerbung mit dem Camille Jenatzy nachempfundenen „Roten Mephisto“

 

Aus Jenatzy wird Mephisto

Bosch ließ also Jenatzy in stilisierter Form als Werbeträger auftreten, als „roter Teufel“ oder „roter Mephisto“, um für Bosch-Magnetzünder oder Bosch-Zündkerzen zu werben. Die erste Anzeige mit diesem Motiv stammt von 1909, der Entwurf für das erste Plakat mit dem „roten Teufel“ vermutlich von 1910. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde das Motiv vom Werbegrafiker Julius Klinger gestaltet, der damals bei der Stuttgarter Agentur „Propaganda“ arbeitete.

Warum er „roter Mephisto“ hieß? Ganz einfach. Jenatzy hatte rotes Haar und Bart, und auch sein Mantel, der ihn vor dem Staub der damals schlechten Straßen schützte, war rot. Die historischen Schwarz-Weiß-Bilder lassen uns das heute leider nicht mehr erkennen. Diese Farben inspirierten den Künstler Klinger zum dominanten Rot bei der Gestaltung des Motivs.

 

Das Motiv fand weltweit Einsatz, auf Anzeigen, auf Plakaten – selbst überlebensgroße dreidimensionale Mephistofiguren konnten auf Messen bestaunt werden. Der „rote Mephisto“ erhielt den Rang einer Bildmarke und ist das früheste Beispiel für ein „Corporate Design“ bei Bosch. Stets hielt der Mephisto ein Produkt von Bosch in den Händen, zumeist einen Magnetzünder, oder aber er hielt eine Schautafel vor sich, auf der ein Werbe- oder Informationstext von Bosch gedruckt war. Auf dem meistverbreiteten Plakat sind alle Rennwagen unter dem riesenhaften Mephisto durch Kabel mit dem Bosch Magnetzünder verbunden, den er in seinen Händen hält. Der führende Wagen hatte in der Regel das Nationalwappen des Staates auf dem Kühlergrill, in dem mit dem Plakat geworben wurde. Eine Reverenz an den Patriotismus der einheimischen Kunden offenbar.

 

Später wurde der Mephisto auch für die Zündkerzenwerbung eingesetzt, einem unverzichtbaren Zubehör der Magnetzündung wie auch ihrer Nachfolgesysteme.

 

Ein beengter Arbeitsplatz: Rennfahrer Otto Hieronimus hinter dem Lenkrad seines Rennwagens, 1918

Beengter Arbeitsplatz: Ein anderer berühmter Rennfahrer seiner Zeit: Otto Hieronimus hinter dem Lenkrad, 1918

 

Nach dem „Mephisto“

Nach dem Ersten Weltkrieg war die große Zeit dieses Motivs vorbei: US-Regierungsbehörden hatten die Bosch-Fertigungsstandorte und Niederlassungen in den USA konfisziert – und damit auch die Bildmarke. Da nunmehr Bosch seine Bildmarke mit dem „roten Teufel“ nicht mehr einsetzen durfte und Bosch sich natürlich auch gestalterisch von der „American Bosch Corporation“ in neuer amerikanischer Besitzerhand absetzen wollte, konnte der „rote Mephisto“ nicht mehr als Bildmarke und Erkennungszeichen für Bosch auf Anzeigen und Plakaten dienen.

 

So wurde der „zerplatzende Funke“ der Zündkerze, ein Entwurf des Künstlers Lucian Bernhard um 1914, zum tragenden Werbemotiv.
Die neue Bildmarke des Unternehmens war der Anker im Kreis – der stilisierte Doppel-T-Anker des Magnetzünders.
Ihn hatte der damalige Entwicklungsleiter von Bosch, Gottlob Honold, 1918 ersonnen. Der Doppel-T-Anker ist – seit 1919 in Deutschland und seit 1920 weltweit – bis heute die Bildmarke des Hauses Bosch. Doch das ist eine andere lange Geschichte.

 

Finden Sie hier mehr zur Bosch-Geschichte: Link zum Webspecial Unternehmen: https://www.bosch.com/de/bosch-gruppe/unsere-geschichte/

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